Am 14.11.15 spielt Samuel Kindermann AKA Einmusik eines seiner legendären Livesets auf dem BIT Showcase in Istanbul. Wir haben die Chance genutzt und im Vorfeld unsere Köpfe zusammengesteckt, um etwas mehr über den Soundguru zu erfahren.

Q: Manche Musiker verbringen so viel Zeit im Studio, dass sie schon beginnen mit der Einrichtung zu verschmelzen. Wie kleine Produzentenchamäleons. Wie viel Zeit verbringst du durchschnittlich im Studio?

A: Ich würde fast sagen: zu viel 🙂 Im Grunde komme ich am Sonntag mit Ideen von den Gigs, die am Montag gleich umgesetzt werden. Donnerstag oder Freitag verlasse ich das Studio kurz vorm Gig und meistens geht es dann auf mobilen Geräten während der Reise oder im Hotel weiter. Ich bin ja Live-Musiker, die Priorität liegt daher auf meiner Studioarbeit. Das macht einen zu einem Teil der Studioeinrichtung und da ich auch noch mein halbes Zuhause mit ins Studio nehme, sprich meinen Hund, gibt es für mich selten einen Grund von da weg zu bleiben.

Q: Viele Musiker fangen ihre musikalische Reise ja in den verrücktesten Genres an und arbeiten sich dann langsam zur Königsdisziplin vor. Wie bist du zu Techno gekommen?

A: Meine Reise war auch ziemlich ausufernd. Ich war ursprünglich nicht nur als DJ im Drum ’n‘ Bass unterwegs, sondern auch als Produzent. Dann habe ich andere Künstler produziert, auch Hip Hop oder sogar Werbe-Produktionen gemacht. Elektronische Musik hat mich immer interessiert, aber ich bin tatsächlich “Quereinsteiger”. Ausschlaggebend war glaube ich die Schwierigkeit der Drum ’n‘ Bass Szene – den Zusammenhalt und die gewollte Vielfalt wie im Techno gab es da einfach nicht.

Q: Manche sagen: Techno wird Mainstream. Wir Berliner verwehren uns dagegen! Wie hast du die Entwicklung und Veränderung der Szene in den letzten 10 Jahren miterlebt? Ist Techno wirklich Mainstream geworden?

A: Ich glaube in jeder Musikrichtung gab es Hoch-Zeiten und “Mainstream-Phasen”. Dann wurde von der Szene selektiert und das ganze gewann wieder an Boden. Natürlich versuchen sehr sehr viele gerade ein Geschäft mit elektronischer Musik zu machen, aber das ist nichts Aussergewöhnliches und war beim Hip Hop oder Reggea nicht anders. Techno ist noch lange nicht aus dem Untergrund hervor geklettert, das merkt man ja daran, dass große Firmen, deren Namen ich jetzt nicht nennen muss, mit ihren Käufen und Investitionen scheitern. Ich glaube der wahre Fan elektronischer Musik interessiert sich wirklich für die Musik und nicht für die blinkenden Lichter und bunten Konfetti-Kanonen. Und wer wirklich für die Szene etwas leistet, der soll davon auch gut leben können, warum nicht. Die Leute werden über kurz oder lang wieder selektieren – wer nur Edits macht und Charts spielt, wird irgendwann auch wieder so von der Bildfläche verschwinden, wie er gekommen ist.

Q: Du bist ja Wahlberliner (finden wir super). Kannst du uns erzählen, welche Bedeutung Berlin für dich erlangt hat?

A: Jedes Mal wenn der Flieger über Berlin schwebt nach einem Wochenende, sehe ich wie frei diese Stadt trotz aller Einschränkungen doch noch ist. Die Straßen sind weit, das Licht ist anders und die Bezirke sind so unterschiedlich, dass man als Mensch unglaublich frei in seinen Bewegungen ist. Heute will ich es ruhiger, morgen wilder und übermorgen genau die Mitte. Das alles geht in Berlin und das geht insbesondere auch in der Club- und Kulturszene. Die ist vielfältig, immer neu und keinesfalls statisch. Das ist einer der Gründe, warum ich nach Berlin gegangen bin – alles ist möglich innerhalb kürzester Zeit. Es gibt immer wieder neue inspirierende Künstler und Musiker, vor allem im Techno gibt es wahnsinnig schnelle Bewegungen und überraschende Strömungen, das fühle ich selten in anderen Städten der Welt.

Q: Internationale Gigs, ein voller Bookingkalender und fliegende Schlüpfer, wohin du auch gehst. Geht da unsere Fantasie mit uns durch oder lebst du wirklich das High Life?

A: Statt Schlüpfer fliegen tatsächlich BH’s mittlerweile, was mir auch lieber ist 🙂 Nein, aber im Ernst. Es ist ein unglaublich spannendes Leben, mit vielen vielen tollen Momenten. In einigen Ländern der Welt sind die Menschen unglaublich dankbar für meine Musik. Und man knüpft Bekanntschaften für’s Leben, auch musikalische, was wirklich großartig ist. Allerdings hat man auch Momente allein im Hotel nach dem Gig oder am Flughafen, wenn mal wieder alles schief geht, in denen man sich einfach danach sehnt in sein Studio zu flüchten und diesem Wahnsinn zu entkommen. Die Reiserei kostet viel Kraft. Wenn es nach mir ginge, würde ich lieber 5 mal am Tag spielen, statt teilweise 12h unterwegs zu verbringen. Aber ich möchte mich nun wirklich nicht beschweren, für mich gehen gerade viele Träume in Erfüllung.

Q: Was war das verrückteste, was jemals während einem deiner Gigs passiert ist?

A: Ich glaub Stage-Diving, BH’s und Sit-Downs sind mittlerweile gar nicht mehr so verrückt. Ich erinnere mich aber an Polizeikontrollen, bei denen der Promoter mit auf’s Revier musste und ich dann alleine da stand. Ich erinnere mich auch immer wieder an einen Auftritt, bei dem die Monitorbox den direkten Weg auf meinen Rechner fand und damit die komplette Party gesprengt hat. Das sind schon crazy Momente, die irgendwie dann aber mit den richtigen Leuten doch wieder zu schönen und lustigen Erinnerungen werden.

Q: Im Juni kam dein letztes Album I.D.C. raus. Bist du zufrieden mit dem Erfolg?

A: Sehr sogar. Für mich zählt ob ein Album Live funktioniert – ob in Equador oder auf der Fusion oder in New York – mit dem Album habe ich ein voll und ganz funktionierendes Live-Set erschaffen, das mich und die Leute glücklich macht. Meine Musik braucht oft eine Weile bis es bei den “Hörern” ankommt, daher ist Erfolg für mich wirklich von den Reaktionen auf der Tanzfläche abhängig.

Q: Machst du jetzt erstmal eine kleine Pause, oder kannst du dem Ruf des Studios nicht widerstehen?

A: In Pausen werde ich krank oder verliere den Verstand 🙂 Ich brauche das routinierte Musik-machen und das tägliche Gefühl etwas geschaffen zu haben.

Q: Wie viel ist in deinen Sets spontan, wie viel vorher geplant?

A: Ich plane schon den Grundaufbau, sprich Intro- und Schluss-Song. Den Rest kann ich variieren, wenn mir danach ist und das Publikum vor mir etwas anderes fordert. Mit Drum Machines und Effektgeräten klingt mein Live-Set aber sowieso nie gleich und diese Freiheit möchte ich mir auch beibehalten.

Q: Was ist dein Lieblingsort in Berlin?

A: Ich glaube ich kann ganz klar sagen, dass ich am liebsten bei meinem Haus-Italiener im Friedrichshainer Nordkiez bin. Ein total uriger Laden mit kitschiger Deko, vielen Kerzen und typischen rot-weiss-Stoffen. Aber dort läuft immer gediegene interessante italienische Musik und ich fühle mich wie im Wohnzimmer dort. Und – das Essen ist hervorragend. Ansonsten liebe ich die Berliner Parks. Als Hundebesitzer hat man hier so einige Lieblingsplätze, die man je nach Jahreszeit immer wieder neu entdeckt.

Danke für deine Zeit, Samuel. Wir freuen uns schon auf dein Set in Istanbul 🙂

Zur Einstimmung haben wir für euch Einmusik’s Liveset von der Fusion rausgekramt. Enjoy!

 

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