Über 25 Jahre Techno Branche und den Wandel

Thomas Koch alias DJ T. hat schon die ein oder andere Station hinter sich gebracht. Bekannt ist er als Labelgründer, Verleger, Clubbetreiber und Musikjournalist der Techno Szene. Neben der Gründung des Groove Magazine hat er sein eigenes Label sowie 25 Jahre Erfahrung mit elektronischer Musik und deren Rahmen auf dem Kerbholz. Begonnen hat das alles mit seiner Leidenschaft für Musik. Einer Leidenschaft, die schon in jungen Jahren mit Energie gelebt und getanzt wurde und ihm in all den Jahren zwischen Business und Turntables erhalten geblieben ist.

Er hat sich Zeit für ein kleines Interview mit uns genommen und erzählt aus seinen weitgefassten Erlebnissen mit den Veränderungen der Branche, eines sich ständig selbst erneuernden Berliner Nachtlebens, der Strahlkraft der Hauptstadt des Techno sowie einer Message für junge DJs und Szenebegeisterte. Viel Spaß beim reinlesen.

 

Gibt es im Verlauf deiner Karriere eine Veränderung, die dich besonders betroffen hat oder die dir besonders im Gedächtnis bleibt?

 

Für mich als Künstler war es besonders einschneidend, erleben zu müssen, dass das was sozusagen früher ein gutes Aufwands-Ertrags-Verhältnis hatte, nämlich Musik machen und Musik produzieren und dafür auch einen monetären Gegenwert bekommen, ein in sich funktionierendes System war, welches jetzt so in der Form nicht mehr besteht. Damals hat man viel Zeit aufgewendet und investiert. In Studioräume oder Leute mit denen du produziert hast. Dafür hat man, bevor die digitale Revolution in ihre letzten Züge gekommen ist, durch den Verkauf dieser Musik, sei es auf Vinyl oder anderen Tonträgern, einen angemessenen Gegenwert bekommen. Dieser ganze Aufwand wird inzwischen, böse gesagt, unter Marketing verbucht.

 

Meinst du, dass man sich heute mehr durch Marketing profiliert als durch die Musik an sich?

 

Du profilierst dich schon durch Musik aber die ganze Investition die du reinsteckst an Zeit, Geld Schweiß und Blut sage ich mal, dafür bekommt man keinen monetären Gegenwert mehr um sich zu refinanzieren. Heute ist das einfach ein System, in dem du mit den Tracks die du rausbringst Promotion betreibst und deine Auftritte bewirbst. Dadurch dass keiner mehr die finanziellen Freiheiten hat, die es noch vor 10 Jahren gab, wirkt sich das natürlich auch auf die Qualität der Musik selbst aus. Musikproduktion in meiner Position kann man sich ohne eigenes Studio eigentlich kaum mehr leisten.

 

Wie muss man sich das dann vorstellen?

Um eine EP zu produzieren, bezahlst du deine Engineers mit Flatfees oder anderen Deals. Dann zahlst du eventuell noch einen Studioraum on top oder für Mixing und Mastering. Dann ist man für eine EP mit 3 Tracks schnell um die 3-4000 Euro los.

 

Gibt es einen deiner vielen Schaffensbereiche in der Szene der dich besonders definiert?

Aktiv bin ich ja aktuell nur noch als DJ und Produzent. Alles andere was ich innerhalb meiner 25 jährigen Karriere im Musik Business gemacht habe, habe ich ja momentan den Nagel gehängt. Angefangen hat aber alles mit dem DJing. Mitte/Ende der 80er aus Leidenschaft für die Musik und diese Musik sehr körperlich zu erleben. Ich war leidenschaftlicher Tänzer schon seit miner Kindheit, später auch Breakdancer als Teenager und hab mir diese Leidenschaft bis heute bewahrt. Darüber kam dann alles andere. Erst stand ich auf der Seite, auf der die Musik reflektiert wird. Ab 1989 habe ich das Groove Magazin herausgegeben und auch selbst dafür geschrieben. Durch das Groove Mag hat das DJing dann sehr lange Zeit eine nur untergeordnete Rolle gespielt, war also eher ein besseres Hobby. Die große Transition war dann Anfang Mitte der 00er Jahre als ganze Business was ich bis dahin gemacht hatte zu einem Abschluss kam. Ich habe das Magazin verkauft und 2002 haben wir das Label  get physical gegründet. Das war ich mit 5 anderen Partnern. Da habe ich u.a. sehr intensiv als A&R gearbeitet, das ist die Person die sich um die Kommunikation mit den Künstlern kümmert. Bin dann 2010 wieder an einen Punkt gekommen, wo ich mich aus diesem Business ebenfalls zurückziehen wollte und habe dann die Entscheidung getroffen, dass ich mich zum ersten Mal nur auf das DJing und die Musik konzentrieren wollte. Dadurch dass ich so viel mehr an Zeit reinstecken konnte, habe ich dann für mich selbst, subjektiv betrachtet, erst die Meisterschaft erreichen können in dieser Kunst, nach all den Jahren. Das Mehr an Zeit hat dazu geführt, dass ich erstmals mein Potential habe ganz ausschöpfen können. Nun stehe ich erneut an einem Scheideweg und überlege das internationale DeeJaying zurückzufahren um mich neuen Projekten widmen zu können, über die ich aktuell aber noch nicht öffentlich sprechen möchte.

 

Hast du in deiner langen Zeit als DJ besondere Veränderungen im Berliner Nachtleben festgestellt? Wie äußern sich diese?

Das Berliner Nachtleben kann nur so sein wie es ist und Berlin kann nur deshalb die Hauptstadt der Clubkultur sein, weil es aus dem Potential der Leute schöpfen kann die hier aus aller Welt hergezogen sind und die jedes Wochenende zum Feiern in die Stadt ein- und ausfliegen. Bzgl. Quantität und Qualität dieser Kultur kannst du New York, London und Paris zusammenzählen und hast dann vielleicht gerade mal Berlin. Berlin war und ist immer eine Inspirationsquelle für Leute gewesen, die in die Stadt gekommen sind und ihre Eindrücke mit zurück nach Hause genommen haben um Clubs, Labels oder anders zu gründen oder DJ oder Produzent zu werden. Diese Strahlkraft hat keine andere Stadt auch nur annähernd. Und wie bei einer Frischzellenkur erneuert sich das auch immer wieder alles. In Momenten, in denen man schon an eine Übersättigung denkt, werden dann doch immer wieder neue interessante Läden aufgemacht und natürlich auch alte geschlossen. Es ist ein sehr schöner Prozess, der da immer noch stattfindet.Anderserseits ist subjektiv betrachtet mit Schließung der Bar 25 damals eine sehr glanzvolle Zeit ihrem Ende zugegangen. Es gibt unheimlich viele Locations die noch in diesem Erbe stehen. Vom Vibe und auch von der Gestaltung der Locations.

 

Warum feierst du gern in Berlin und warum?

Das Heideglühen ist einer meiner Lieblingsorte und Partys in Berlin – ein aus Holz, irgendwo ins Nichts gezimmerter Spielplatz, aber umso intimer und intensiver ist die Atmosphäre da. Berlin hat generell auch noch ein großes Publikum über 35/40 das regelmäßig ausgehen und in vielen Läden siehts du Menschen Anfang 20 mit Menschen feiern, die schon die 50 überschritten haben. So ein heterogenes Publikum gibt es in keiner anderen Stadt, das finde ich in Berlin sehr schön. Das Nachtleben vermittelt ein Gefühl von Freiheit und Gleichheit, dass ich so nirgends anders finde.

 

Gibt es zum Abschluss etwas, dass du Szene-Begeisterten oder  jungen DJs mit auf den Weg geben möchtest?

Ich kann das sehr gut verstehen, dass es für einen jungen Künstler das schwierigste ist in ein Establishment reingeboren zu werden wo alles geordnet an seinem Patz ist und wo es diese Freiräume wie in den 90er Jahren in dieser Form nicht mehr gibt. Dass es schwierig für einen Künstler ist seinen eigenen authentischen Sound und Ausdruck zu finden und auch dazu zu stehen. Sich loszulösen von Trends und Modeerscheinungen und von dem was den ganzen Tag auf Facebook und Co. durchrattert an bekannten Namen die für irgendwas stehen und man in Versuchung geführt wird das zu kopieren. Auf lange Sicht gesehen, hast die man immer noch die größten Canchen wenn du zu dem stehst was du bist und das machst was dir Spaß macht.


DJ T. im Ritter Butzke: SPEECHLESS am 18.11.

DJ T. on Soundcloud

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