Des Abenteuers Vorgeschichte // G wie…

Ein ertapptes Lächeln auf dem Gesicht. Eine schmerzhafte Leere im Geldbeutel. Der tollkühne Versuch im Angesicht des sicheren Endes mit der Frage “Kann ich Ihnen vielleicht etwas zu trinken anbieten?” vielleicht noch ein paar Pluspunkte zu sammeln. Die Hoffnung tanzt am längsten.

So fühlte man sich Anfang 2006 in der Tanzhöhle des Senatsreservenspeichers, als der wenig amüsierte Erzfeind aller deutschen YouTube-User aus dem Schatten trat und begierig seine Taschen öffnete. Natürlich. Der Schrecken der Nacht. Der feuchte Albtraum aller Untergrundparties. Die Guardians Of The Urheberrecht. The one and only GEMA. Der gefiel es gar nicht, dass einige Kollektive dort ohne sie Parties feierten. Also tat die GEMA das, was sie am besten kann: Geld fordern. Eine Menge Geld. Unfreiwillig stellte sie so die Weichen für die Entstehung eines der beliebtesten Berliner Clubs der Gegenwart: das Ritter Butzke.

Um das Geld aufzutreiben, schmiedeten die Kollektive einen Plan. Gemeinsam wollten sie eine große Benefiz-Party veranstalten, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte und ihre Schulden mit einem Schlag tilgen würde. Nur durch Hilfe von Mundpropaganda schafften sie es, in den Katakomben der Patzendorfer Brauerei im Prenzlauer Berg eine Party zu zelebrieren, die das Gebäude bis in die Grundfesten erschütterte und für lange Jahre in Erinnerung bleiben sollte. So etwas hatte man in Berlin lange nicht gesehen.

Zu neuen Ufern // The Show Must Go On

Sommerfest 2011. Credit: Ben de Biel

Doch warum aufhören, wenn der Spaß gerade erst so richtig anfängt? Tatendurstig und schuldenfrei traten Sebastian Reidel und Johannes von Jena aus der Menge der Kollektive heraus und begaben sich gemeinsam auf ein neues Abenteuer. Ihre Reise führte sie zu einem verlassenen Kreuzberger Hinterhof in der Ritterstraße, in dem früher der Amaturenhersteller Aqua Butzke beheimatet war. Der rote Backstein, die Fenster zum Innenhof, die versteckte, aber zentrale Lage – es war Liebe auf den ersten Blick.

Der Besitzer des Areals, ein Hamburger Investor, musste 2007 schmerzlich feststellen, dass niemand an seiner Idee Eigentumswohnungen zu bauen Interesse hatte. Die Gentrifizierung sollte noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Damals aß man noch Döner mit doppelt Fleisch statt vegetarischem Fairtrade-Burger. Im Prenzlauer Berg schlürfte man nur heimlich an seinen Karamell-Macchiatos. Unser Bürgermeister trug lustige Partyhüte und pinke Krawatten. Es war die perfekte Zeit, um ein paar verdammt gute Parties zu feiern.

Sebastian, Johannes, die von der Fusion bekannten Bachstelzen und andere Kollektive rissen sich schließlich die Räumlichkeiten unter den Nagel und erhielten vom Besitzer die Erlaubnis Parties zu feiern (und Miete zu zahlen). Während die Bar25 noch aus ein paar Autoanhängern bestand und sich dort vielleicht 150 Leute am Wochenende tummelten, begrüßte man zum Erstaunen aller im neuen Kreuzberger Insiderschuppen schon auf den ersten Parties tausende Gäste. Über zwei Jahre lang entwickelte sich die Location zur großen Nummer in der Szene. “Aqua Ritter”, “Ritter Butzke” aber auch “Starlight Club” waren gängige Namen für den Club.

Ritter Butzke 2007. Credits: RB

Wisst ihr noch, wie ich meinte, dass es eine Erlaubnis gab? Erlaubnis kann in Berlin ein sehr dehnbarer Begriff sein. Manchmal muss man halt Initiative zeigen. So schickten Sebastian und Johannes ein Fax an die Polizei à la “Hey Jungs. Wir feiern hier ein paar Parties, aber schhh, ist schon okay. Wir haben Sicherheitspersonal, zahlen Steuern und GEMA. Wir sind nicht die Droiden, die ihr sucht.” Das ging eine ganze Weile gut. Doch kurz nach Silvester 2008/2009 klopfte es an der Tür. Flashback. Ein ertapptes Lächeln auf dem Gesicht. Eine schmerzhafte Leere im Geldbeutel. Der tollkühne Versuch im Angesicht des sicheren Endes mit der Frage “Kann ich Ihnen vielleicht etwas zu trinken anbieten?” vielleicht noch ein paar Pluspunkte zu sammeln.

Hallo, Bauamt.

Das Intermezzo am Köllnischen Park

Das Bauamt war pikiert. Was war das hier eigentlich für ein Zirkus? Aß man hier etwa noch Döner mit doppelt Fleisch? Wie sah das hier eigentlich aus? Und man hatte nicht mal um Erlaubnis gebeten! Danach gab es nur noch zwei Möglichkeiten. Den Laden erstmal dicht machen oder 500.000 Euro Strafe zahlen. Und was macht der geschäftige Berliner um Geld zu besorgen? Nein – nicht das. Er macht noch mehr Parties!

Haus am Köllnischen Park

Einige Zeit später fuhren ein paar…. Unbekannte… mit wehenden Fahnen, erhobenem Haupt und einem leeren Transporter in die Stadt. Aber nicht um eine Party zu feiern. Ihr Ziel war das Haus am Köllnischen Park – die ehemalige Parteihochschule der SED. Gerüchten zufolge sollte das lange leerstehende Gebäude bald abgerissen werden und war noch vollgestopft mit allerlei Schätzen, wie Toiletten und Fußböden! Doch nachdem sie das Haus halbleer geräumt hatten und fast draußen waren, kam den Unbekannten plötzlich eine ganz andere Idee: “Hier… hier könnte man… doch Parties feiern! Ja! Natürlich! Parties!”

Das Schicksal war ihnen gnädig. Sie verwandelten das Zentrum der DDR Ideologie in eine bombastische Partyburg. 3000 bis 4000 Gäste feierten pro Wochenende im mittlerweile denkmalgeschützten Gebäude. Trotz großen Erfolgen war ihnen eine langfristige Zukunft an diesem Ort nicht vergönnt. Doch gerade als das Ende nahe schien, trat einer alter Bekannter auf den Plan…

Das Ritter Butzke

Baugenehmigung – check. Brandschutzgutachten – check. Während am Köllnischen Park die Korken knallten, hatte man in der Heimat die Miete zahlen und jede noch so kleine behördliche Anforderung erfüllen können. Am 10.10.09 um 23:59 und dreizehn Sekunden kehrte Der Ritter Butzke in feierlicher Montur aus seinem langen Exil zurück. Der Club hat seitdem absoluten Kultstatus erlangt. Die verträumte Atmosphäre, die grandiosen Acts, das bunt gemischte Publikum und der stete Wandel ohne die Seele zu verlieren, haben ihn in die Herzen vieler Berliner transportiert.

Schon seit Tag Eins umgibt den Ritter ein Team, das den Club auch als Kulturort versteht, ein Ort, an dem Dinge passieren können. Das Antlitz des Musiktempels ist im steten Wandel, genau wie die Stadt selbst. Mal entsteht hier ein Floor, dann verschwindet er wieder, plötzlich ist der Club dreimal kleiner als vorher, dann wieder größer – und am Ende baut man sich auch noch eine Bar dazu, in der man sich nach getaner Arbeit noch einen Drink gönnt. Die Bar wird übrigens gerade gebaut. Am 01.05. wird es eine kleine (jetzt nicht mehr ganz so geheime) Einweihungsparty geben.

Die Aussichten für das kommende Jahr sehen die Jungs gelassen. Alles kann passieren, nichts muss, nur eins ist sicher: Stillstand wird es im Ritter Butzke nie geben.

PS. Na, kribblen schon die Füße? Glück gehabt, denn am 01.04. findet die Butzke Party des Jahres statt! Seid dabei wenn wir mit SPEECHLESS den Ritter zum Beben bringen. Zum Event geht’s hier.

Impressionen aus fast 10 Jahren Ritter Butzke

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