Vermoderte Ruinen. Leerstehende Hallen. Besetzte Häuser. Ostberlin, 1990.

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Manchmal auch der Anfang von etwas Großem. Als Berlin nach 40 Jahren Trennung wieder vereint wurde, lag etwas in der Luft. Ein Zauber. Im Ostteil der Stadt, wo zuvor ein totalitäres Regime herrschte, gab es nun ein kleines Machtvakuum. Es existierte ein berauschendes Überangebot an leerstehenden Gebäuden, Lagerhallen, Ruinen und es gab absolut niemanden, der sich dafür verantwortlich fühlte – die perfekte Situation für… ja, wen eigentlich? 

Natürlich: Für Kreative. Unendlich viel Raum für Ideen. Sowohl in den Köpfen, als auch in verwinkelten Hinterhöfen, Lagerhallen und Kellergewölben. Und niemand, der einen Riegel davor schieben wollte. Eine Bewegung, eine Idee, eine Strömung, die in dieser Zeit begann ihre ersten zarten Wurzeln zu schlagen, steht heute in einer erneuten Blüte. Die magnetische Anziehungskraft dieser Idee kennt keine Landesgrenzen und zieht jedes Jahr Millionen von Menschen jeder Kultur, Sprache, Sexualität und Abstammung in ihren Sog: die Berliner Feier- und Clubkultur.

VIDEO: Ein kleiner Eindruck von Berlin-Mitte im Jahr 1991.

Die 90er Jahre waren die goldene Ära der Clubentstehung, die Wiege des Clublebens. Leerstehende Gebäude und die de facto nicht vorhandene Kontrolle durch Behörden schufen die perfekten Voraussetzungen für die freie Umsetzung von Ideen und Träumen. Man nahm sich das, was man brauchte und gab das, was man konnte. Wenn am Ende des Tages keine Miese gemacht wurden, war die Party ein Erfolg.

Im ersten Teil dieser Serie („5 legendäre Clubs aus den 90ern“) haben wir den Fokus auf ein paar ausgewählte Institutionen gelegt, die im Rahmen dieser Entwicklung ihren Weg ins Leben gefunden haben. In diesem Teil der Serie wollen wir uns auf eine Reise begeben, die uns an Orte führt, an die kein Licht mehr vordringt. 18m unter der Oberfläche gibt es nur noch den Geruch von Feuchtigkeit, Erde und damals – wenn man am richtigen Ort war – das laute Krachen von ohrenbetäubendem Techno.


Bunkerzugang unter dem Alex

Ab in den Untergrund

Die Nutzung von unterirdischen Räumlichkeiten für Dinge, die nicht so ganz legal sind, ist erstmal kein neuer Hut. Im Berlin der 1920er tummelten sich tief unter der Erde zahllose zwielichtige Banden in dreckigen Spelunken und tüftelten so manchen Diebeszug aus. Was man für Märchen aus Filmen hielt, gab es damals tatsächlich: einen Kodex unter den Kriminellen. Überfälle und Körperverletzung? Gestattet. Mord und Sexualdelikte? No go. Die Liga der außergewöhnlichen Gentleganoven, organisiert in der Berliner Unterwelt. Wortwörtlich.

Anfang der 90er sind die Ganoven längst über alle Berge. Die Einzigen, die sich noch an sie erinnern, sind die vielen vergessenen Räume, die unter der Erde schlummern. Doch mit dem Fall der Mauer hatte das Schlummern ein Ende. Eine ganz neue Art von Untergrund entstand. Der musikalische Untergrund. Aber warum lieben wir es, unter der Erde zu feiern? Was macht diese Orte so faszinierend? Na klar. Wer unter der Erde feiert, ist Teil des „Untergrunds“, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn oben die Welt ist, ist unten die Gegenwelt. Man drückt der Realität an der Gaderobe seine Jacke in die Hand, zwinkert ihr neckisch zu und steigt ab in Gefilde, die mit der Kultur des Mainstreams nichts mehr gemein haben. Ein Lebensgefühl.  


Unterirdische Toilette – Potsdamer Platz

Wo sich heute geschäftige Anzugträger und geschwätzige Touristen bei einem Choco-Caramel-Frappé-Cappucino-Bumms die Klinke in die Hand drücken und die Straße von hässlichen Konsumhallen geschmückt wird, befand sich in den frühen 90er Jahren ein Abenteuerspielplatz für Wahnsinnige und Technoliebhaber. Allen voran türmte der Tresor in der Leipziger Straße, der auch heute in seiner neuen Heimat noch als absolute Legende gilt. Was aber fast keiner weiß: auch unter dem Potsdamer Platz wurde ausgelassen gefeiert.

Potsdamer Platz 1990. Quelle: Imago

Der Kaufmann Erich Stanke, der nach eigenen Angaben das Nutzungsrecht für den Restbestand der Mauer am Potsdamer Platz von einem DDR-Offizier zugesprochen bekam, grub einer der unterirdischen Berliner Toiletten aus – direkt unter dem Potsdamer Platz. Die Toiletten entstanden in den 30er Jahren mit dem Bau der ersten S-Bahn Tunnel. Warum? Weil Berlin stank. Zum Himmel und zurück. Selbst Goethe wusste schon um den monströsen Gestank der Berliner Straßen zu berichten, folglich wurden die großzügig gestalteten Örtlichkeiten kurzerhand unter die Erde verlegt. Das gefundene Fressen für illegale Technoparties (wir gehen davon aus, dass die Fäkalien bis zum Beginn der 90er auf magische Weise verschwunden waren). 

Während Stanke den Bauschutt und Müll aus den zerstörten Toiletten wegschaffen ließ, kam ihm eine zündende Idee. Er wollte ein Dach aus Stahlplatten bauen, das sich mithilfe von Seilzügen auseinander ziehen lassen sollte. Doch langsam, aber sicher, ging ihm das Geld aus. Gerade als das Projekt zum Scheitern verurteilt schien, traten die glücklichen, aber glücklosen Jungs vom WMF Club auf den Plan. Sie mussten das von ihnen besetze Gebäude verlassen (das Gebäude des namenstiftenden Herstellers „WMF“) und fanden in dem Projekt ihre neue Heimat. Auf den oberirdischen Eingang der Toilette platzierte man einen riesigen Überseecontainer, in dessen Boden man ein Loch flexte. Voila – der Clubeingang für Eingeweihte. Wenn nachts der Sternenhimmel aufzog, öffnete man das Stahldach und feierte unter der Erde, mit direktem Blick auf den Kosmos. Das erste unterirdische Open Air war geboren. 

Sexyland am Rosenthaler

Im Jahr 96/97 gelangte eine weitere unterirdische Berliner Toilette zu Ruhm. Das Sexyland unter dem Rosenthaler Platz. Die Betreiberin war eine junge Dame, die sich kurzerhand den Namen eines Westberliner Freudenhauses entlieh, um direkt unter der Straßenbahnstation Rosenthaler einen Club zu eröffnen. Der Laden – oder eher, die Örtlichkeit – platzte regelmäßig aus allen Nähten. In einer Zeit in der Notausgänge noch etwas für Übermotivierte waren, eroberte das Sexyland Herzen und Gemüter der abenteuerlustigen Nachtschwärmer. Oben warteten die Leute auf die nächste Straßenbahn, während unter ihren Füßen wilde Eskapaden gefeiert wurden. Berlin, Baby. Gleich um die Ecke hatte sich ein Beate Uhse Shop niedergelassen. Wenn oben jemand nach dem Sexyland fragte, konnte man sich nie sicher sein, ob er nun den Club oder den Sexshop meinte.

Eingang ins Sexyland


Da braut sich was zusammen

Aber nicht nur Toiletten wurden in Beschlag genommen, um dort zu feiern. Nachdem sich der von jeher exquisite Berliner Biergeschmack um 1850 von Berliner Weiße zu Pilsner wandelte, brauchte man für den langen Gärungsprozess größere Kellergewölbe. Also bauten die Brauereien bis zu 18m tiefe Keller, die ausreichend groß und geräumig waren, um das Bier entsprechend lagern zu können. Ein feuchter Traum für die Partypioniere der 90er.

Keller der Königsstadtbrauerei

Die Pfefferberg Brauerei sollte zu einem der Schauplätze für allerlei Spektakel werden. Die Brauerei liegt an einem Hang, und damit man im hauseigenen Biergarten in der Schönhauser Allee nicht auf halb 9 saß, wurde die Fläche begradigt. Und tief unter dem Biergarten? Da wurde zu Techno gefeiert – im Subground und in der Pfefferbank. Die Köpfe hinter der Pfefferbank waren es übrigens auch, die das weltweite bekannte Melt! Festival aufgebaut haben. Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, kann die Location heute noch besuchen. Heute kommt dort der Bassy Cowboy Club unter, der – wie der Name es schon andeutet – für Countrymusik bekannt ist.

Unterirdische Parties zu veranstalten ist ein riesiger logistischer Aufwand. Es stellen sich Fragen wie: Wie kommt man rein? Wie kommt man raus? Wie belüftet man den Ort? Und ganz wichtig: Wo können die Leute ihr Geschäft verrichten? In der Königstadt Brauerei in Prenzlauer Berg hatte man da leichtes Spiel. Ab den 1920er Jahren wurde die Brauerei als Gewerbestandort genutzt. Erst für den Kraftfahrzeugbau, dann als Premierenkino, im 2. Weltkrieg als Waffenschmiede und in der DDR unter anderem als Champignonzucht. Nach der Wende entdeckten die Partypioniere die riesige Heizungsanlage des Gebäudes für sich und begannen ausschweifende Parties zu feiern. Praktischerweise konnte man mit dem Auto über Rampen bis in den Keller fahren, was die Anlieferung von Dixie Klos extrem erleichterte.

Deep nach einer Party

Das Deep dürfte vielen heute noch ein Begriff sein. Fälschlicherweise wird es oft gänzlich in der Bötzow Brauerei verortet – wo es aber erst im Laufe der Zeit landete. Sein Anfang ist sehr viel exotischer. Ursprünglich war Deep eine Partyreihe, die in unterirdischen Locations stattfand. So schnappten sich die Früchchten um Ralf Hayda kurzerhand den Keller der ehemaligen Bananenreifungsanlage der DDR in der Rosa Luxemburg Straße (ja, sowas gab es). Die einzige Marketingmaßnahme, die sie zu dieser Zeit betrieben: gesponserte Chiquita Bananen, auf den das Deep Logo prangerte. Nachdem die Technoparty das Gebäude wegen Instandhaltungsmaßnahmen verlassen musste, fand man in den Veranstaltungsräumen der Bötzow Brauerei ein neues zu Hause. Aber die Berliner Spaßbehörden lieben es, Riegel vor Dinge zu schieben. Also zog es Ralf Hayda wieder an die Oberfläche: er eröffnete auf dem gleichen Gelände das mittlerweile geschlossene Mädcheninternat.


Six Feet Under

Es gab eine ganze Reihe an weiteren Orten, die sich in Berlin der Annexion durch den Untergrund ergeben mussten. Unter dem U-Bahnhof Heinrich Heine Str. existierte ein Tunnel, der nicht in Richtung des nächsten Bahnhofs führt, sondern in eine unterirdische Sackgasse. Er endete einfach von einer Mauer, wurde nie fertiggestellt. Während in der Ferne die U-Bahn durch den Tunnel donnerte, schlich man hier runter, um die wildesten Parties zu feiern und absolut niemand bekam es mit. Abzug für die Luft? Wen interessiert’s! 

Party unterm Alex

Unter dem sowjetischen Ehrendenkmal am 17. Juni gab es einen geheimen Schacht, der ausreichend groß und geräumig war, um dort hunderte Menschen unterzubringen. Oben einen Generator im Tiergarten platziert, einen Gullideckel angehoben, runtergeklettert und schon hatte man seinen Dancefloor. Während oben Autos Richtung Brandenburger Tor die Straße entlang rollten, rollten unten die Basslines durch den Untergrund. Selbst Opernsänger wurden hier in Nacht- und Nebelaktionen runtergeschafft, zu einem Zeitpunkt war der halbe Chor der Staatsoper unter der Erde und gab ein spontanes Konzert.

Kennt ihr den Autotunnel am Alexanderplatz? Früher gab es dort auch einen Fußgängertunnel mit mysteriösen Türen, die scheinbar ins nirgendwo führten. Nicht ganz ins nirgendwo. Direkt unter dem Alexanderplatz, dort, wo heute das Saturngebäude steht, lag ein riesiger Nazibunker für mehr als 2000 Menschen. Drei mal dürft ihr raten: auch hier wurde heimlich gefeiert. Verkleidet als Bauarbeiter sperrte man mit LKWs einfach eine Spur des Autotunnels und lieferte Getränke, Boxen und Dixie Klos. Die Männer konnten ihre kleine Notdurft an gigantischen Bottiche verrichten, in denen ursprünglich Spreewaldgurken eingelagert wurden. Wenn die Bottiche voll waren, öffnete man eine der Türen zur Kanalisation und kippte sie kurzerhand aus.

Bunker unter dem Alex

Die Faszination für unterirdische Orte geht nicht nur unter die Erde, sondern auch unter die Haut. Gerade die Feierkultur des Technos empfindet sich trotz ihrer Kommerzialisierung noch als Gegenentwurf zum Mainstream – als Untergrund. Wenn man dann auch noch physisch in den Untergrund wandert, um zu feiern, wird das Bild komplett. Man verlässt die eine Welt, um sich selbst eine andere zu erschaffen. Das kraftvolle, basslastige Tonspektrum des Technos ergänzt sich mit der dunklen Fazination, die unterirdische Locations ausstrahlen zu einem einzigartigen Gefühl.

Ist die Zeit des Untergrunds abgelaufen?

Ja. Und Nein. Die vergnügte Kultur des bewussten Wegschauens, die in den 90er und frühen 2000ern noch so emsig betrieben wurde, ist einer Kultur der Sicherheitsbestimmungen und Auflagen gewichen. Kein Feuerlöscher, keine Party. Kein Notausgang, keine Party. Keine Fluchtwege, keine Party. 18m unter der Erde lässt sich leider auch nicht eben mal ein neuer Ein- bzw. Ausgang bauen. Wenige wissen es, aber genau das gelang übrigens dem alten Tresor. Die Behörden machten ernst und prangerten an, dass es keinen Fluchtweg aus dem Keller gab. Na ja, es gab schon einen. Aber der lag hinter einer riesigen, verschlossenen Tresortür – der Tresor hieß ja nicht umsonst „Tresor“. In wochenlanger Arbeit gelang es dem Team schließlich den Tresor zu knacken und dem Partybetrieb eine Zukunft zu bieten. Wo Techno ist, ist auch ein Weg. Doch heute gestaltet es sich immer schwieriger unter der Erde Parties zu schmeissen. Früher ging der Spaß vor, heute ist es die Sicherheit. Wenn ihr also jemals die Chance habt, unter der Erde zu feiern – denkt nicht lange nach. Begebt euch auf die dunkle Reise in die Tiefe und erlebt Techno so, wie er nur dort erlebt werden kann. 

Wie so ein spontaner Untergrundrave im Jahr 2016 aussehen könnte, haben wir vor einigen Tagen im U-Bahnhof Moritzplatz getestet. Fluchtwege inklusive. Hier gibt’s ein kleines Video dazu:

WIN:

Weil wir das Themenfeld sehr spannend finden und euch die Möglichkeit bieten wollen, euch weiter in die Materie zu vertiefen, verlosen wir in Zusammenarbeit mit der Clubcommission 2×2 Freikarten für verschiedene Touren zu Standorten, der Geschichte und der Zukunft der Berliner Clubkultur. Ein herzliches Dank geht an dieser Stelle an den Leiter des Kulturressorts der Clubcommission Eberhard Elfert, der auch der geniale Kopf hinter den Stadtführungen ist und uns bei diesem Artikel nicht nur mit Rat und Tat zur Seite stand, sondern auch sämtliches Untergrund-Bildmaterial zur Verfügung gestellt hat. Die Infos zum Gewinnspiel findet ihr hier!

Wir hoffen der Artikel hat euch gefallen und bis bald bei einem neuen Teil von „Auf den Spuren von Techno“!


Mark Eulert

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